Zu viel fühlen.

Wer mich heute kennenlernt, bringt mich in den seltensten Fällen mit dem Menschen in Verbindung der ich einmal war. Er ahnt nicht, wie mein Leben ausgesehen hat oder wie sehr ich für eine Normalität kämpfen musste, die für die Allermeisten selbstverständlich ist.

Über das Mädchen, das ich einmal war und über die Frau, zu der ich dadurch werden durfte.

Ich war vierzehn, als ich begann mich selbst zu verletzen. Mir mit Rasierklingen die Haut aufschnitt, um mich zu spüren, mit dem Druck, den Erwartungen und meinem Leben zurecht zukommen. Ich war depressiv, verzweifelt und völlig alleine damit.

Mit fünfzehn versuchte ich schließlich, mir das Leben zu nehmen. Ich schluckte Tabletten, nicht soviele, dass ich tatsächlich starb, aber genug um zu realisieren, dass es so wie es war nicht weitergehen konnte.

Eine Woche später saß ich das erste Mal bei einem Therapeuten. Dort redete ich. Über meine Gefühle, die erdrückende Situation zuhause, das Mobbing in der Schule und darüber, wie alleine und traurig ich mich fühlte. Ich wollte, dass er mir half. Wollte, dass er mich zu jemanden machte, der aufhörte so viel zu fühlen. Jemand Normalen. Jemanden, der wie alle Anderen war.

Doch er schaffte es nicht.

Ein halbes Jahr später wechselte ich zu einer psychoanalytischen Therapeutin und einem Psychiater, doch selbst drei Jahren Behandlung und jede Menge Psychopharmaka änderten nichts an meinem Zustand. Im Gegenteil, alles wurde schlimmer.

Mit neunzehn war ich das erste Mal in der Psychiatrie. Glaubte, eine intensive therapeutische Behandlung würde helfen endlich einen Weg ins Leben zu finden. Drei Monate später verließ ich die Station in demselben Zustand, in dem ich sie betreten hatte. Im Gepäck bloß weitere Medikamente und ein Haufen offizelle Diagnosen.

Wiederkehrende depressive Störung, posttraumatische Belastungsstörung und eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung (Typ Borderline)

Es folgten zwei weitere Psychiatrieaufenthalte und der Rat, mich einer speziellen Traumatherapie zu unterziehen – doch in der Stadt, in der ich lebte, gab es nur eine einzige Therapeutin mit entsprechender Weiterbildung.


Ihre Wartezeit? Zwei Jahre.

Ich zog nach Berlin, hoffte, in einer Großstadt würde ich jemanden finden, der mir helfen konnte. Doch obwohl es dort mehr Auswahl, mehr Ärzte und mehr Therapeuten gab, waren die Wartezeiten ebenso lang und zermürbend. Zu Erstgesprächen eingeladen zu werden war pures Glück und wenn doch eines stattfand, stellte sich raus, dass keine tragfähige Basis zu finden war, in der ich mich tatsächlich öffnen konnte.

Der Tiefpunkt

Mit vierundzwanzig dann war ich so krank, dass mein Leben sich fast nur noch innerhalb meiner eigenen vier Wände abspielte. Ohne meinen Partner verließ ich nicht mehr die Wohnung. Ich schaffte es weder, die Tür zu öffnen, wenn es klingelte, noch die drei Treppenabsätze zu unserem Briefkasten hinunterzugehen. Jeder Einkauf, jeder Termin, jede Verpflichtung bedeuteten Stress und tagelange Panik.

Ich litt unter Alpträumen und Flashbacks, schlief schlecht, verletzte mich selbst und verbrachte den Großteil meines Tages damit zu essen.

Es fühlte sich an, als hätte ich nicht nur alle Hoffnung, sondern die Kontrolle über mein Leben verloren.

Der Wendepunkt

Dann, ein Jahr später, nach einer obsessiven Diät und einer teilstationären Therapie, die mir auch den allerletzten Rest Mut raubte, änderte sich plötzlich alles.

Es war ein einzelner Gedanke, der ins Rollen brachte, was schließlich mein gesamtes Leben und die Art, wie ich es sah, erschütterte. Ein Gedanke, der mich erkennen ließ, dass ich die meiste Zeit meines Lebens nicht nur versucht hatte, jemand Anderes zu sein, sondern gegen mich selbst gekämpft hatte.

Das Jetzt

Heute bestimmt meine Vergangenheit nicht mehr mein Leben. Heute weiß ich, dass ich immer jemand sein werde, der viel fühlt – aber anders als früher macht es mir keine Angst mehr. Heute kann ich die Gefühle ansehen, sie hinterfragen und an ihnen wachsen. Aber das Allerwichtigste ist, dass ich sie annehmen kann.

So, wie sie sind.