Psyche & Ursachen

Psychiatrische Diagnose: Fluch oder Segen?

Viele Menschen, die mit emotionalen Symptomen und Belastungen kämpfen, sitzen, genau wie ich, früher oder später einem Arzt oder Psychiater gegenüber.
Sie wollen erfahren, was nicht mit ihnen stimmt. Wünschen sich sogar eine Diagnose – und damit eine Antwort darauf, was mit ihnen los ist.

 

Doch sehnen wir uns eigentlich wirklich nach der Diagnose oder wünschen wir uns nicht eher, gesehen und verstanden zu werden?

Und vor allem: Brauchen wir überhaupt ein Ettikett, um uns schlecht fühlen zu dürfen?

 

Was Diagnosen sind

 

Die Hauptaufgabe von Diagnosen ist es, körperliche und emotionale Symptome einzuordnen und damit einen Handlungsrahmen für Ärzte und Therapeuten zu kreieren.

Denn einmal eingeordnet, können sie sich an den Vorgaben entlanghangeln, gezielt schauen, was Patienten mit ähnlicher Symptomatik geholfen hat oder was womöglich kontrainduziert ist. Das heißt, die Probleme, die du hast, verschlimmern könnte.

Diagnosen können damit helfen uns spezifisch zu behandeln – beispielsweise bei einem Trauma oder einer Essstörungen.

Außerdem können sie dem, was sich in uns falsch und seltsam anfühlt ein Gesicht geben und uns erklären, was mit uns nicht stimmt.

Doch auf der anderen Seite gibt es Menschen, denen eine Diagnose Angst macht.

 

Die Kehrseite

 

Diagnosen können uns Antworten schenken, aber auch Mut und Zuversicht rauben. Sie können helfen, uns selbst besser zu verstehen, uns aber gleichzeitig auch das Gefühl hinterlassen, nicht mehr dazuzugehören.

Diagnosen können bedeuten, eine spezifische und richtige Behandlung zu erhalten, bergen aber zeitgleich die Gefahr, dass wir nur noch nach Schema F behandelt werden.

Viele psychisch Kranke glauben zudem, dass Diagnosen, die einmal gestellt worden sind, unumkehrbar und in Stein gemeiselt sind. Dass sie nicht heilbar sind und damit auch nicht mehr verschwinden.

 

Die Wahrheit ist, dass einige Menschen zwar tatsächlich mit wiederkehrenden Symptomen kämpfen oder immer wieder an dieselben Grenzen stoßen, aber das bedeutet nicht, dass eine Verbesserung oder Heilung grundsätzlich oder niemals möglich ist.

 

Schlussendlich ist eine Diagnose eine Momentaufnahme, festgehalten an einem Punkt unseres Lebens, an dem es uns nicht gut geht. Und wenn man diese Aufnahme an einem anderen Zeitpunkt wiederholt, kann sie unter Umständen ganz anders ausfallen. Wie bei mir.

Heute würde niemand mehr die Diagnosen stellen, die ich einmal erhalten habe.

Weil ich zwar Traurigkeit kenne – aber nicht mehr depressiv bin.
Weil ich zwar traumatisiert wurde, diese Erfahrung heute aber weder meinen Alltag, noch mein Leben bestimmt.
Weil ich zwar sensibler und emotionaler bin als viele Andere – aber diese Emotionalität mich nicht einschränkt.
Weil ich zwar Ängste kenne und auch spüre – sie mich aber nicht mehr davon abhalten, zu tun was ich tun möchte.

 

Du bist mehr als deine Diagnose

 

Fakt ist: Wir reagieren ganz unterschiedlich und sehr individuell auf das, was uns geprägt hat.

Jeder von uns trägt seine eigene Geschichte mit sich herum. Und es gibt Niemanden, dem es ganz genauso ergangen ist wie dir oder mir.

 

Und deshalb glaube ich, dass es wichtiger ist, genau darauf zu schauen.

Ganz individuell.

Auf das, was du brauchst.
Was DIR gut tut.
Was sich RICHTIG anfühlt.
Was dir Mut macht oder dich weiterbringt.

 

Du kannst deine Diagnose nutzen – aber mach dich nicht dazu. Nimm sie als das, was sie ist: Ein grobes Verständnis von dem, was in dir passiert oder passiert ist. Seh sie wenn überhaupt als grobe Orientierung – nicht als asphaltierte Einbahnstraße, auf der es niemals kein Zurück geben wird.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.