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Psyche & Ursachen,  Ressourcen & Wandel

Selbsttherapie: Können wir uns selbst heilen?

Psychische Krankheit ist in unserer Gesellschaft ein immer größer werdendes Phänomen. Wir leiden unter Ängsten und Depressionen, kämpfen mit psychosomatischen Beschwerden und traumatischen Erfahrungen. Laut einer Studie weist bereits jeder vierte Erwachsene in Deutschland die Kriterien einer Erkrankung auf und auch immer mehr Kinder und Jugendliche sind betroffen.

Ärzte, Therapeuten und Ratgeber sind sich einig: Psychische Erkrankungen gehören in professionelle Hände. Doch stimmt das tatsächlich oder können wir uns auch selbst helfen?

 


Was Therapie bedeutet – und was nicht

 

In den allermeisten Bereichen unseres Lebens schätzen wir einen kompetenten Ansprechpartner an unserer Seite. Wir rufen den Klempner, bringen unsere Autos in die Werkstatt oder fragen bei Computerproblemen einen Fachmann.


Wir suchen jemanden, der Ahnung von der Materie hat.
Jemanden, der weiß, was er tut und damit eine Lösungsmöglichkeit bereit hält, die das Problem beseitigt.

 

Bei meiner ersten Therapie dachte ich dasselbe.

Ich ging ich davon aus, dass der Therapeut die defekten Teile meines Inneren reparieren würde. Schließlich war er Fachmann für psychisches Leiden. Musste also wissen, woher es kam. Und auch, wie man es beenden konnte.

 

Falls du das auch glaubst: Es war ein Trugschluss.

Die bittere Wahrheit ist: Ein Therapeut kann dich nicht heilen. Seine Funktion ist es nicht, dich von deinem Leiden zu erlösen.

Vielmehr ist ein Therapeut Ansprechpartner und Impulsgeber.

Seine Aufgabe ist es mit gezielten Fragen innere Prozesse anzustoßen und damit den Zugang zu unseren ureigenen Ressourcen freizulegen. Ressourcen, die Selbstregulation überhaupt erst ermöglichen.

Er hilft dir also, dir selbst zu helfen.

 


Doch ist Therapie immer ein Muss?

Therapeutische Verfahren haben ihre Berechtigung und ausgebildete Psychotherapeuten können uns in Krisen Entlastung schenken oder bei komplexen Beschwerden unterstützend wirken.
Ein Therapeut kann wertvoll sein, weil er durch professionelle Distanz und einen geschulten Blick Zusammenhänge aufzeigen und erkennen kann, denen wir aufgrund unserer Beschwerden und Erfahrungen kaum bis gar keine Beachtung schenken.

Doch ist er die einzige Möglichkeit, die wir haben, um gesund zu werden? Definitiv nein. Wir können auch ohne ihn wieder auf die Beine kommen.

 


Was selbstinduzierte Heilung braucht

Eines vorweg: Ich behaupte nicht, dass es einfach ist oder wie von selbst funktioniert. Es gibt weder ein Wundermittel, das dich gesund macht noch geschieht das ohne dein Zutun. Verhärtete Stellen in dir selbst aufzuspüren und alte Glaubenssätze offenzulegen ist schmerzhaft und nur selten leicht.


Selbstbeobachtung ist der Schlüssel

Aber wenn du über eine hohe Selbstbeobachtungsbereitschaft verfügst, kann das, was ein Therapeut tut, auch durch dich ganz alleine angestoßen werden.

Dafür musst du zum Spion deiner eigenen Gefühle und Gedanken werden. Du musst ihnen folgen, den Wurzeln deines Leidens auf die Spur kommen und es verstehen lernen.

Die wichtigste Zutat, die du dafür brauchst ist: radikale Ehrlichkeit.

 

Nur wenn du ganz und gar ehrlich zu dir selbst bist und reflektierst, was du über deine Glaubenssätze, Wünsche und Ängste ans Licht holst, hast du die Chance selbstregulierenden Mechanismen zu (re)aktivieren. Mechanismen, die dir helfen gesund zu werden.

 

Radikale Ehrlichkeit bedeutet:

  • dein Leben und deine Entscheidungen mit einer Brille zu betrachten, die weder rosa-rot noch düster ist.
  • den Blick auf dich selbst zu schärfen, um dein Leben und deine Entscheidungen zu hinterfragen.
    Mut, dich anzusehen, tief in dir selbst. So wie wir du bist, mit allem, was du denkst und fühlst.
  • ansehen und annehmen zu lernen was du nicht ändern kannst.
  • herausfinden was du wirklich brauchst und genau das auch einzufordern. Ohne faule Kompromisse. Ohne Wenn und ohne Aber.
  • deine Wünsche ernstzunehmen – genau wie deine Grenzen.

 

Du kannst heilen

Heilung ist ein schmerzhafter Prozess der viel Zeit, jede Menge Geduld und einen ganzen Haufen Selbstfürsorge benötigt. Sie verläuft niemals gradlinig, hält Stolpersteine und Rückschritte bereit. Sie tut weh.

Doch wenn du bereit bist, hinzusehen und an dir selbst zu wachsen, dann wird sie möglich.

Sowohl mit als auch ohne Therapie.

 

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